INTERVIEW
 
Taliban kündigen Obama erbitterten Widerstand an
Spiegel Online
2 December 2009
Barack Obama will mit 30.000 zusätzlichen Soldaten in Afghanistan Frieden und Stabilität schaffen, Pakistan verspricht er eine enge Partnerschaft. Doch in beiden Ländern stößt seine Strategie auf Skepsis - und die Taliban sagen der Nato einen "beschämenden Abzug" mit "vielen Särgen" voraus.

Islamabad/Kabul - Es sollte ein Signal für eine bessere Zukunft werden. Doch die Rede von US-Präsident Barack Obama, die Ankündigung, 30.000 zusätzliche Soldaten zu entsenden und so für Frieden und Stabilität zu sorgen, kommt in den Ländern, die die neue Strategie betrifft, schlecht an. Da wollen die USA also tatsächlich noch mehr Soldaten schicken, noch mehr Blut vergießen - und dann ab Mitte 2011 verschwinden und die Region sich selbst überlassen? Das, so sind viele Menschen in Afghanistan und Pakistan überzeugt, ist keine gute Strategie.

Die meisten Afghanen glauben nicht, dass eine Truppenverstärkung mehr Sicherheit bringt. "In den vergangenen acht Jahren haben die USA viele Male die Zahl ihrer Soldaten in Afghanistan erhöht, aber die Sicherheitslage hat sich dadurch kein einziges Mal verändert", sagte Said Mahmud Saiqal, politischer Analyst in Kabul. "Solange die Amerikaner ihre Strategie nicht grundlegend ändern, macht das Entsenden von weiteren Soldaten kaum Sinn."

Arsala Rahmani, früherer stellvertretender Bildungsminister in Kabul, beklagte auf SPIEGEL ONLINE, dass die Strategie der USA auch nach der Rede von Obama noch unklar sei. "Einerseits sagen sie, man sei bereit, mit Vertretern der Taliban über eine künftige Beteiligung an der Macht zu reden. Andererseits schicken sie noch mehr Truppen, um die Taliban zu bekämpfen." Rahmani betonte, seiner Meinung nach seien Verhandlungen mit den Taliban der einzige Weg zum Frieden. Karzai hatte zuletzt am Wochenende mit den Taliban über eine Aussöhnung gesprochen.

Die Taliban selbst reagierten vorhersehbar auf die Vorstellungen des US-Präsidenten: Obama werde "Zeuge von vielen Särgen werden, die von Afghanistan in die USA gebracht werden", sagte ein Sprecher der Aufständischen. "Die 30.000 zusätzlichen Soldaten, die nach Afghanistan kommen werden, werden nur heftigeren Widerstand und Kämpfe herausfordern." Auch mit einer Truppenaufstockung werde es den internationalen Truppen nicht gelingen, das Land militärisch unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Taliban-Sprecher sagte den internationalen Truppen zudem einen "beschämenden Abzug" voraus.

Kleines Lob aus Kabul

Auch Rafie Bayat, ein 27-jähriger Student in Kabul, ist wie viele Afghanen gegen mehr US-Soldaten im Land: "Überall, wo Isaf-Soldaten sind, kommt es zu Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten. Jedes Mal werden auch viele Zivilisten getötet", sagte er.

Die afghanische Regierung rang sich trotz der schlechten Stimmung in der Bevölkerung zu einem verhaltenen Lob für Obama durch: "Wir freuen uns über die Pläne der USA", sagte der Sprecher des Außenministeriums. Es sei gut, dass weitere US-Soldaten nach Afghanistan geschickt würden, um den Krieg möglichst rasch zu beenden. Mehr wollte er aber auch nicht sagen.

Seit Monaten fordert Kabul eine Aufstockung des US-Truppenkontingents. "Wir sind dringend auf mehr amerikanische Truppen angewiesen", hatte der afghanische Botschafter in Washington, Said Jawad, kürzlich gesagt. "Frieden und Stabilität sind ohne stärkere Präsenz von ausländischen Truppen in unserem Land nicht möglich." Bis genügend afghanische Sicherheitskräfte ausgebildet seien, dauere es noch seine Zeit. Die 68.000 US-Soldaten seien daher nicht genug, um die Militanten im Land zu bekämpfen und gleichzeitig Afghanen auszubilden, hieß es einhellig in Regierungskreisen in Kabul. Sie unterstützten die Forderung von US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, General Stanley McChrystal, nach 40.000 weiteren Soldaten.

Jetzt hat Barack Obama den Wunsch - in leicht reduzierter Form - erfüllt. Doch auch in Regierungskreisen ist man dem Vernehmen nach nicht ganz so glücklich, wie der Sprecher von Außenminister Rangin Dadfar Spanta behauptet. Vor allem der angekündigte Beginn eines Rückzugs ab Sommer 2011 bereitet Sorgen. Man hoffe, dass die Zeit reiche, um einen positiven Effekt auf die Lage in Afghanistan zu haben, sagte ein hochrangiger Regierungsbeamter, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Der Sprecher des afghanischen Innenministeriums erklärte auf SPIEGEL ONLINE, entscheidend sei die Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten, "damit sie das Land in den kommenden Jahren selbst kontrollieren können". General McChrystal bestätigte in einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen in Kabul, Hauptziel der USA sei es, "die afghanische Armee und die afghanische Polizei zu trainieren, weil Afghanistan künftig von ihnen verteidigt werden muss". Unter den 30.000 zusätzlichen Soldaten, die an den Hindukusch geschickt würden, seien deshalb viele Ausbilder. McChrystal erklärte auch, Afghanistans Präsident Hamid Karzai habe sich "heute Morgen wirklich positiv über die US-Pläne geäußert" und sei "sehr optimistisch".

“Wollen die USA irgendwann in Pakistan einmarschieren?"

Ähnlich wie in Afghanistan ist das Meinungsbild im Nachbarland Pakistan, dem Obama eine langfristige strategische Partnerschaft auch über das Engagement in Afghanistan hinaus zusicherte. Obama hatte in seiner Rede erklärt, ein Erfolg in Afghanistan sei nicht zu trennen von der Partnerschaft mit Pakistan. Im Regierungsviertel von Islamabad erzählte man sich am Mittwoch stolz, Pakistan gehöre zu den fünf Ländern, die Obama vorab über seine Pläne informiert habe. Obama hatte mit Pakistans Präsidenten Asif Ali Zardari telefoniert, zudem mit Karzai sowie den Regierungschefs von Kanada, Frankreich und Australien.

Außenminister Shah Mahmood Qureshi sagte in einer Pressekonferenz, die pakistanische Regierung habe "nichts gegen eine US-Truppenerhöhung in Afghanistan". Allerdings wolle Islamabad gerne mehr über die exakte Stationierung und über die Pläne wissen. Bislang sei man nur "in groben Zügen über die neue Strategie" informiert worden.

Obama verspricht Islamabad eine langfristige Partnerschaft

Besonders ermutigend sei, dass Obama den Pakistanern eine langfristige Partnerschaft versprach und der pakistanischen Armee Anerkennung für ihre Bemühungen im Kampf gegen Terroristen zollte, sagte ein Beamter im Außenministerium. "Endlich spricht der mächtigste Mann der Welt öffentlich aus, dass die Pakistaner selbst Opfer der Terroristen sind." Obama hatte auf die vielen Opfer von Terroristen in Pakistan hingewiesen, Pakistan aber zugleich als Rückzugsgebiet von Taliban und Mitgliedern von al-Qaida bezeichnet. Er versprach Islamabad Hilfe im Kampf gegen Extremisten, aber auch Unterstützung bei ökonomischen Reformen und beim Ausbau von Infrastruktur.

Doch die Haltung von Pakistans Regierung gegenüber den USA ist gespalten: Einserseits unterstützt man das Engagement in Afghanistan, andererseits kritisieren Politiker die Drohnenangriffe auf pakistanischem Territorium an der Grenze zu Afghanistan. Premierminister Yousuf Raza Gilani sagte in einem SPIEGEL-Interview, diese Angriffe seien kontraproduktiv bei den Bemühungen seiner Regierung, einen Keil zwischen Militante und den Stammesangehörigen zu treiben. Außenminister Qureshi sagte, Pakistan werde mit den Terroristen selbst fertig. Statt mit Drohnen auf Stellungen von Militanten zu schießen und Zivilisten zu gefährden, wäre es besser, wenn Washington Pakistan die entsprechende Drohnentechnologie zur Verfügung stellte. Qureshi hatte schon vor Obamas Rede erklärt, die USA müssten "mindestens fünf Jahre" in Afghanistan bleiben. Solange dauere es wenigstens, bis die Mission beendet sei.

Umgekehrt heißt es in Washington regelmäßig, Pakistan spiele ein "doppeltes Spiel": Das Land bekämpfe zwar die Taliban im eigenen Land, unterstütze aber Aufständische in Afghanistan, um die USA zu schwächen.

Mit den Amerikanern kam auch der Terror nach Pakistan

Der Politikwissenschaftler Ishtiaq Ahmed von der Qaid-I-Azam-Universität in Islamabad beschrieb das Dilemma: "Einerseits führen die Militäroperationen von Nato-Truppen in Afghanistan dazu, dass sich die Militanten in die pakistanischen Stammesgebiete zurückziehen und den Terror nach Pakistan tragen. Andererseits hat die Regierung in Islamabad ein großes Interesse daran, dass der Westen die Probleme in Afghanistan löst und damit diese Weltregion stabilisiert." Alles in allem sei die Truppenverstärkung in Pakistans Sinn: "Wenn jetzt Terroristen versuchen, nach Pakistan zu fliehen, werden sie dort schon von einer einsatzbereiten Armee erwartet. Die amerikanische Strategie und das pakistanische Vorgehen sind kompatibel."

"Als die Amerikaner im Dezember 2001 nach Afghanistan kamen, begann bei uns der Ärger", sagte Irfan Mushtaq, Inhaber eines Textilgeschäfts in Islamabad. "Der Terror hat drastisch zugenommen, seit die Amerikaner sich in dieser Region einmischen. Warum sollte es besser werden, wenn noch mehr Soldaten kommen?"

In weiten Teilen der Gesellschaft, quer durch alle Schichten, ist die Überzeugung verbreitet, die USA wollten nur mehr Macht in Pakistan und möglichst die Kontrolle über die pakistanischen Atomwaffen, Stolz des Landes. Umfragen zufolge haben 65 Prozent eine negative Meinung über die USA.

Hamidullah Gul, ein Banker aus Rawalpindi, versteht deshalb das Lob seiner Regierung für Obama nicht. "Nach Aussage von James Jones, dem Nationalen Sicherheitsberater von Obama, hat al-Qaida heute seine Basis nicht mehr in Afghanistan, sondern in Pakistan. Angeblich sollen alle Top-Terroristen in Pakistan sein. Wozu dann mehr Truppen in Afghanistan? Wollen die USA irgendwann auch in Pakistan einmarschieren?"

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